Ray Draper – Hard Bopper mit Tuba

Bei den Modern-Jazz-Sessions in Braunschweig habe ich verschiedentlich einen sympathischenTubaspieler aus Bielefeld getroffen, der mit seinem sperrigen Instrument Soli spielt. Wir kamen ins Gespräch, und wie es meine Gewohnheit ist, fragte ich ihn, wer seine Favoriten an seinem selten verwendeten Instrument seien. Ich hatte erwartet, dass – wie aus der Pistole geschossen – natürlich der Name Ray Draper fallen würde. Meine Enttäuschung war groß, als sich herausstellte, dass ihm dieser legendäre Hard-Bop-Musiker nicht bekannt war.

Ist das nicht so, als hätte ein Briefträger keine Ahnung davon, was ein Briefkasten ist? Übertreibe ich? Nein. Ich erwarte ja nicht, dass ein Gitarrist oder Pianist unbedingt Ray Draper kennen müsste. Aber jemand, der die Tuba als Soloistrument einsetzt? Versuchen wir, diese unverzeihliche Wissenslücke zu schließen.

Eine tragische Karriere im Jazz

Tragische Karrieren gibt es allzu häufig im Jazz. Besonders in den drei Jahrzehnten zwischen 1940 und 1970 litten zahlreiche vielversprechende Musikerinnen und Musiker unter ihrer Heroinsucht, mussten ihre Aktivitäten durch Gefängnisaufenthalte unterbrechen oder starben in noch jungen Jahren. Eine solche Laufbahn erlebte auch Ray Draper. Der Altsaxophonist Jackie McLean hatte ihn entdeckt. Draper machte bereits mit 17 Jahren seine erste Aufnahmen als Leader. Er zeigte sich als begabter Themenkomponist, der mit seiner Tuba solistisch hervortrat.

Aufnahmen mit John Coltrane

Auf seiner zweiten Platte (1957 bei Prestige/New Jazz erschienen) „The Ray Draper Quintet featuring John Coltrane“ ist er tatsächlich so kühn, sich mit mit diesem damals aufkommenden Superstar des Tenorsaxophons zusammen zu tun.

Mitglied der Band von Max Roach

Mit Trane kam er ein weiteres Mal zusammen, ebenfalls mit Jackie McLean. Für mich waren seine stärksten Aufnahmen die mit der Band von Max Roach, besonders auf der Platte „Deeds Not Words“ (Riverside, 1958). Wir hören hier tolle Arrangements mit aufregenden Solisten und dem fantastischen Schlagzeugspiel von Max Roach. Drapers Tubastimme wird in dieser heißen Konstellation aufregend integriert.

„Filide“, eine typische Komposition von Ray Draper
Wenn auch die Bild- und Tonqualität schlecht sind, können wir hier das Max Roach Quintet mit Ray Draper sehen. Der Ansager am Beginn des Clips ist übrigens Bobby Troup, der Komponist von „Route 66“.

Begabter Themenkomponist und Arrangeur

So virtuos Ray Draper an seinem trägen Instrument auch war, im Vergleich zu den anderen Bläsern wirken seine Soli – der Natur des Instruments geschuldet – schwerfällig und auf die Dauer etwas eintönig. Weniger wäre da mehr gewesen. Seine Stärke kommt besonders in den Themenvorstellungen und seinen Arrangements zum Tragen, wenn die tiefe Tuba den Gruppenklang zu etwas Ungewöhnlichem und Besonderen macht.

„Red Beans and Rice“ – eine der ersten Jazz-Rock-Bands

Trotzdem: Wäre Drapers Karriere nicht ständig durch Gefängnisaufenthalt, Heroinentzug, Rückfälle unterbrochen worden, hätte er sicher ein bekannterer Jazzmusiker werden können. 1968 hatte er ein kurzes Comeback mit seiner Jazz-Rock-Band „Red Beans and Rice“ – einer der ersten Gruppen dieser Art überhaupt. Die Platte verkaufte sich schlecht, ein erneuter Rückfall in die Heroinsucht machte eine weitere kontinuierliche Arbeit unmöglich.

Tragisch: Als Ray Draper am 1. November 1982, endlich clean und voller neuer Pläne, aus einer Harlemer Bank kam, wurde er von einer Jugendlichen-Gang überfallen. Nachdem er ihnen sein Geld gegeben hatte, erschoss ihn der 13-jährige Anführer der Bande. Draper wurde 42 Jahre alt.

Man sollte ihn kennen. Wenigstens als Tuba-Spieler.

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