Die großen Stimmen des Jazz

Gedanken zum Kurs

Der Jazzgesang – ein Dilemma?

„Das Dilemma des Jazzgesangs“ – so nannte es der deutsche Jazzpapst Joachim-Ernst Berendt in seinem nach wie vor unverzichtbaren „Das Jazzbuch“. Was meinte er damit? Der ganze Jazz sei aus gesungener Musik entstanden, der ganze Jazzgesang jedoch komme von instrumentaler Musik. Nicht umsonst seien einige der besten Sänger des Jazz Instrumentalisten, man denke nur an Louis Armstrong oder Chet Baker. Umgekehrt werde es immer wieder hervorgehoben, wenn ein Instrumentalist dem Sound der menschlichen Stimme nahe komme wie z. B. bei Johnny Hodges, Eric Dolphy oder Albert Mangelsdorff.

Aber „Dilemma“ und damit ein Entscheidungsproblem? Nein. Es handelt sich eher um einen gegenseitigen Austausch von Stimme und Instrument, eine wechselseitige Beziehung, aus der Neues und manchmal Größeres erwächst.

Irgendwann hat alle Musik mal mit einer Stimme und einer Trommel begonnen.

Ist das Jazz?

Eine der schwierigsten Fragen im Jazz ist die, ob es sich bei einer Sängerin oder einem Sänger um Jazzinterpreten handelt. Was sind die Kriterien, die anzulegen sind? War Frank Sinatra ein Jazzsänger? Wahrscheinlich nicht in einem puristischen Sinn. Aber sein Timing, sein Swing-Feeling und sein ungeheurer Einfluss sprechen dafür, ihn zu diesem Kreis zu zählen. Und Norah Jones zum Beispiel? Von der immer behauptet wird, sie sei ein heller Stern am Jazzhimmel? Ich glaube, sie gehört nicht dazu -auch wenn ihre erste Platte bei Blue Note erschien. Ich kann weder Swing noch Improvisation oder jazzmäßige Variation bei ihr feststellen. Aber sie ist eine überzeugende Sängerin, die intelligente Songs produziert.

Solche Fragen und Reibungspunkte gibt es zuhauf. Wir werden darüber sprechen – und freundschaftlich streiten.

Jazzgesang ist anders

Die Kriterien, die wir an klassischen europäischen Gesang anlegen, helfen uns im Jazz wenig. Die Stimmen sind häufig nicht „schön“ und rein, man erinnere sich nur wieder an Armstrong. Ein Stimmumfang, der über mehrere Oktaven reicht, ist keine Voraussetzung für eine mitreißende Jazzinterpretation. Obwohl es natürlich Sängerinnen gibt, die durch die Schönheit und den beeindruckenden Stimmumfang glänzen. Man denke an Sarah Vaughan oder Ella Fitzgerald. Aber Billie Holiday? Ohne Zweifel eine der Größten (für viele die Größte) – für sie treffen solche Kriterien nicht zu. Und sie sang auch nie Scat.

Streng genommen müssten wir die Sängerinnen und Sänger des Blues in unserem Kurs mit berücksichtigen. Sie bilden wichtige Wurzeln des Jazz-Gesang. Man müsste dazu einen eigenen Kurs machen. Also werfen wir nur kurze Schlaglichter darauf, indem wir z. B. Eddie „Cleanhead“ Vinson die Ehre geben werden.

The Great American Songbook – eine Fundgrube anspruchsvoller Popsongs

Als Basis nehmen wir die Songs des „Great American Songbooks“, das umfangreich ist und zu dem zahlreiche berühmte Songschreiber und Texter beigetragen haben. Da sind wir bei dem nächsten Problem: Diese Songs stammen aus dem vergangenen Jahrhundert und reichen über den Daumen bis in die 60er Jahre. Als die Beat- und Rockmusik den „Classic-Pop“ mit seinen oft anspruchvolleren Songs klein machte, starb dieses Genre zwar nicht, produzierte aber auch nur wenig Neues, das es in die Welt des Jazz schaffte. (Ausnahmen bestätigen die Regel.) Die Songs der Monkees hatten nun einmal nicht die Substanz von Cole-Porter-Kompositionen.

Die Sängerinnen und Sänger, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten aufkamen, griffen in der Mehrzahl auf das Great American Songbook – also auf die „Standards“ – zurück. Andere Versuche, populäre zeitgenössische Titel zu präsentieren, scheiterten künstlerisch meist.

Jazz pur

Und dann hören und sehen wir uns diejenigen an, die puren Jazz produzieren, deren Stimmen Swing, Bop, Scat, Vocalese oder freien Jazz kreieren.

Wir konzentrieren uns auf die wirklich großen Stimmen des Jazz und werden nur im letzten Abschnitt auf interessante Stimmen aus Grenzbereichen eingehen.

Die Welt des Jazz ist groß. Die des Jazzgesangs auch. Erkunden wir einige Ecken und wissen dabei, dass wir nur an der Oberfläche kratzen. Lassen wir uns anregen, uns auf die Suche nach neuen Entdeckungen zu machen.

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