Sax No End: Meisterstück der Kenny Clarke-Francy Boland Big Band

Ohne Gigi Campi hätte es die „Kenny Clarke – Francy Boland Big Band“ (CBBB) nicht gegeben. Der Gastronom, Architekt und jazzverrückte Italiener, dessen Lebensmittelpunkt Köln war, hatte dieses Orchester in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts aufgestellt, produziert und gemanagt. Die „CBBB“ war vorwiegend eine Studio-Formation, gelegentlich gab sie jedoch auch Konzerte oder machte Gastspiele, z. B. im berühmten Ronnie Scott‘s Club in London. Der Tenorist Ronnie Scott spielte während der Lebenszeit des Orchesters in ihrem legendären Saxophonsatz. Die Namensgeber der Band waren der US-amerikanische Schlagzeuger Kenny Clarke und der belgische Meister-Arrangeur und Pianist Francy Boland. Clarke, der Erfinder des modernen Schlagzeugspiels und Pionier des Bebop hatte sich in den 50ern fest in Paris niedergelassen und war zu einer Schlüsselfigur des Jazz in Europa geworden. Boland hatte u. a. bei Kurt Edelhagen als Arrangeur in Köln gearbeitet, wo Campi ihn kennenlernte.

Keimzelle: The Golden 8

Der begeisterte Campi arrangierte 1961 eine Plattenaufnahme der „The Golden 8“ mit Clarke und Boland, die er beim Top-Label „Blue Note“ unterbrachte. Diese Platte ist eine der wenigen Blue-Notes, die nicht von Alfred Lion oder seinem Partner Francis Wolff produziert wurden.
Das war die Keimzelle der CBBB.

Foto: T. Geese

Mit dabei waren bereits der ehemalige Ellington-Bassist Jimmy Woode (auch er ein Wahleuropäer) und der Altsaxophonist Derek Humble aus England, der der Führer des Saxophonsatzes der späteren CBBB werden solle.

Expatriates und Spitzen-Europäer

Die CBBB bestand aus führenden europäischen Musikern und so genannten „Expatriates“ aus den USA wie Johnny Griffin, Idrees Sulieman, Benny Bailey und den genannten Woode und Clarke. Zu den Europäern gehörten Manfred Schoof, Ake Persson, Fats Sadi oder Carl Drevo. Natürlich gab es immer mal wieder Besetzungswechsel. Das Kernpersonal blieb jedoch gleich. Eine Besonderheit des Orchesters war, dass es ab 1967 mit einem zweiten, zusätzlichen Schlagzeuger spielte. Der Engländer Kenny Clare spielte fortan gemeinsam (!) mit Kenny Clarke mit der kochend heißen Band. Man hat ihn sicher nicht wegen seines ähnlichen Namens eingestellt. Er war ein fantastischer, dynamischer und technisch brillanter Drummer.

1967: Sax No End

Von der Band gab es etliche Platten, die bei den verschiedensten Labels erschienen. Viele sind heute nicht mehr erhältlich. Einige entstanden bei SABA bzw. MPS, der verdienstvollen deutschen Firma aus dem Schwarzwald, z. B. „Sax No End“. Hier ist das Cover der Platte, dessen Motiv heute sicher so nicht mehr gezeigt werden würde. Man bedenke: Es war 1967, diese Ära der sexuellen Befreiung war erotisch aufgeladen.

Foto: T. Geese; mit etwas Glück ist die Platte zu bekommen.

Diese Aufnahme, 1967 in Köln produziert, zeigt exemplarisch, wie stark die Arrangements von Francy Boland sind: abwechslungsreich, traditionsbewusst, mit krachenden Blechbläsern und den bereits erwähnten Saxophonsätzen. Im Titelstück „Sax No End“ spielen erst die Saxophonisten vor der Rhythmusgruppe ihre Soli, spielen dann gemeinsam einen auskomponierten Saxophonsatz wie ein Solo, um dann erst mit dem gesamten, gewaltigen Orchester zur Themenvorstellung und zum Finale zu kommen.

Hier ist „Sax No End“, live gespielt:

Toll, oder?

Viele Platten – nur wenige sind heute erhältlich

Von der CBBB gab es Platten mit Carmen McRae, mit Stan Getz, sogar mit der sonst eher als Schlagersängerin bekannten Gitte Haenning. Die Band löste sich 1972 auf, nachdem eine beabsichtige US-Tournee nicht zustande gekommen war. Überhaupt: In den USA war dieses Orchester praktisch unbekannt. Sieht man in die US-Jazz-Literatur, findet man kaum Hinweise auf diese in ihrer Zeit bedeutendste europäische Big Band. Sie ist in Qualität und Charakter vergleichbar mit dem Thad Jones–Mel Lewis–Orchester.

Oscar Peterson als Big Band

Wie ist es, wenn ein Piano-Trio das Saxophon-Feature „Sax No End“ spielt? Das geht nicht? Doch, geht. Man höre das Oscar-Peterson-Trio bei einem Live-Auftritt im Haus des MPS-Eigentümers Hans-Georg Brunner-Schwer aus dem Jahr 1968. Peterson spielt den Saxophonsatz in Blockakkorden. Umwerfend!

Oscar Peterson Piano; Sam Jones, Bass; Bobby Durham, Schlagzeug

Das BuJazzO virtuos und hart swingend

Und hier noch zum Abschluss die blutjungen MusikerInnen des Bundesjazzorchesters, das uns unter Leitung von Jiggs Whigham, den Saxophonsatz von „Sax No End“ präsentiert. Da kann man nur staunen.

Also: Zeit, sich mit der CBBB zu beschäftigen. Macht Spaß.

P.S. Die Anregung zu diesem Beitrag gab mein Freund Michael Sopper.

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