Miles Davis

Natürlich, die Nachnamen der hier Versammelten beginnen mit „M“. Miles Davis ist trotzdem hier gelandet, weil die Jazzwelt stets nur von ihm als „Miles“ sprach und spricht. Diese Jahrhundert-Persönlichkeit, dieses Gesamtkunstwerk, mit einem kurzen Text nur rudimentär abzubilden, scheint unmöglich. Kein anderer Musiker des Jazz hat sich so oft neu erfunden, wurde so oft zur Speerspitze seiner Entwicklung. Versuchen wir es in Schlaglichtern:
Profi bei Charlie Parker
Abseits der üblichen Klischees stammte Miles – geboren 1926 – aus vermögenden Verhältnissen. In seiner „Lehrzeit“ in den Vierziger Jahren spielte er in der Band des Bop-Genies Charlie „Bird“ Parker. Schon hier kultivierte der Trompeter eine kühle Stilistik im mittleren Register seines Instruments. „Bird“ hatte sein Potential erkannt, als Kritiker sich noch über angeblich mangelnde Fähigkeiten des späteren „Prince of Darkness“ monierten.
Birth Of The Cool
1948 stellte er mit den Arrangeuren Gil Evans und Gerry Mulligan die Formation zusammen, deren legendäre Aufnahmen als „Birth of the Cool“ in die Geschichte eingingen. Eine Stilrichtung bekam ihren Namen dadurch: Der „Cool Jazz“ bildete einen Kontrast zur Hektik des Bebop.
Comeback beim Newport Festival 1955
Für Miles, der wie viele seiner Kollegen in dieser Zeit dem Heroin verfiel, begann eine unstete Phase mit wechselndem künstlerischen Erfolg. Ein Auftritt mit einer All-Star-Band beim Newport Jazz Festival 1955 brachte sein Comeback. Er hatte sich per kaltem Entzug von der sklavischen Sucht befreit und spielte ein betörendes „Round Midnight“. Ein lukrativer Plattenvertrag beim Major-Label Columbia und die Zusammenstellung des ersten Miles Davis Quintetts waren die Folgen. Das Quintett wurde „die“ Band des modernen Jazz, stilistisch im neuen „Hard Bop“ angesiedelt. Ähnlich wie Bird es zuvor mit ihm gemacht hatte, nahm Miles einen talentierten Tenorsaxophonisten namens John Coltrane in die Band auf, der im Laufe der kommenden Jahre der nächste Gigant des Jazz werden sollte.
Das Team Miles und Gil Evans
Columbia produzierte nicht nur Platten der Combo, sondern präsentierte Miles als Solist großorchestraler Projekte, die von seinem Freund Gil Evans arrangiert wurden: „Miles Ahead“, „Porgy and Bess“ oder „Sketches of Spain“ sind die bekanntesten. Miles nutzte nun immer mehr den Harmon-Mute–Dämpfer. Dieser sanfte, etwas gepresste Sound wurde ein weiteres Markenzeichen seiner Kunst.
Kind Of Blue und das 2. Quintett
Dann, 1959: „Kind of Blue“. Diese LP mit seiner zum Sextett erweiterten Band mit Bill Evans am Piano und Cannonball Adderley, Altsaxophon, wurde zur bis heute meistverkauften Jazzaufnahme. Miles wandte sich damit dem „modalen“ Jazz zu, mit dem er die Befreiung von den klassischen Harmoniefolgen vollzog und den späteren Free Jazz vorbereitete. Adderley und Coltrane verließen Miles, um eigene Wege zu gehen. Es dauerte bis 1965, bis Miles sein zweites Quintett mit den jungen Wayne Shorter, Herbie Hancock, Ron Carter und dem noch jüngeren Anthony Williams – damals 17! – auf die Beine stellte. Ohne sich völlig der Avantgarde zu öffnen, machte diese Band Furore.
Begründer der Fusion von Jazz und Rock
War es zwangsläufig, dass Miles dann mit „Bitches Brew“ 1969 die Fusion von Jazz und Rock einleitete? Von nun an waren Funkbeats und Grooves für Miles vorherrschend, der swingende 4/4 Takt war passé. Miles wurde nun zum Superstar der Fusion, exotisch gekleidet und stets nach vorn blickend. Er erschloss sich ein neues (und junges) Massenpublikum und verlor viele seiner Anhänger der vorherigen Karrierephasen. Vorwiegend gesundheitliche Gründe führten zwischen 1975 zu seinem Rückzug aus der Szene. 1981 kehrte er zurück und präsentierte sich mit Trompete und Keyboard mit jungen Bands bis zu seinem Tod 1991 als Interpret pop-orientierter Musik. Einige seiner Platten wurden hochgelobt, andere als trivial abgelehnt.
Der übermächtigen Bedeutung dieses Giganten für die Musik des 20. Jahrhunderts tat das keinen Abbruch.
