Albert Mangelsdorff

Er war die Vaterfigur des deutschen Jazz seit dem 2. Weltkrieg, den auch Menschen kannten, die nur wenig mit Jazz am Hut hatten. Doch nicht nur das: Albert Mangelsdorff aus Frankfurt a. M. entwickelte sich zu einem der bedeutendsten Posaunisten des internationalen Jazz. Als einer der wenigen Europäer überhaupt übte er einen starken Einfluss auf die Vertreter seines Instruments in den USA aus. Doch auf Dauer in die USA zu gehen, wie es ihm oft geraten wurde, kam für ihn nicht in Frage. Diesem ebenso bescheidenen wie klugen Mann war sehr wohl bewusst, welches Schicksal ihm in der Heimat des Jazz blühen würde: Energie fressender Konkurrenzkampf, Kommerzialisierung seiner Musik und eine starke Einschränkung künstlerischer Freiheit. Es gab und gibt dafür einige abschreckende Beispiele. „Der Albert“, wie er von seinen Fans und Kollegen liebevoll genannt wurde, blieb also und nutzte alle Freiheiten, die ihm die Jazzszenen Europas boten.
1928 als Bruder des drei Jahre älteren Emil Mangelsdorff, der als Altsaxophonist auch ein veritabler Jazzmusiker wurde, geboren, lernte Albert erst Gitarre, Ende der Vierziger Posaune. Wesentliche Erfahrungen machte er in Clubs der amerikanischen Streitkräfte, wo er mit den damals führenden deutschen Jazzmusikern, aber auch mit Amerikanern spielte. Sein größter Einfluss war zu jener Zeit der Altsaxophonist Lee Konitz, der mit seinem coolen Spielkonzept eine Leitfigur der deutschen Nachkriegsszene war. Alberts Bedeutung nahm Ende der 50er Jahre weiter zu. Er tourte als Mitglied der „German-“ und „European Allstars“ um die Welt – einschließlich der USA. In Deutschland war er über seine ganze Karriere hinweg den Jazzformationen des Hessischen Rundfunks verbunden. Außerdem gründete er ein Quintett, mit dem er richtungsweisende Aufnahmen (z. B. „Tension“, „Now Jazz Ramwong“) einspielte. Damit emanzipierte er sich und den deutschen Jazz von den amerikanischen Vorbildern. Teilweise spielte er nun auch konsequenten Free Jazz, sei es im „Globe Unity Orchestra“ oder in Kombinationen mit vielen Kollegen aus ganz Europa. War das Umfeld auch noch so frei: Swing-Feeling war in seinen Improvisationen immer zu hören.
Ein entscheidender Schritt für diesen ruhelosen Künstler war die Entwicklung einer Blastechnik, bei der er gleichzeitig in das Mundstück sang und durch das Zusammenspiel Obertöne erzeugte, die zu Akkorden wurden. Diese „Multiphonics“ eröffneten ihm ganz neue Möglichkeiten, sein Instrument solistisch vorzustellen. Ich habe ihn in den 80er Jahren einmal beim North Sea Jazz Festival in Den Haag erlebt, als er allein eine große, bis zum letzten Platz gefüllte Halle fesselte und zu Begeisterungsstürmen brachte. Für Konzerte und Plattenaufnahmen kam er mit führenden Künstlern wie Jaco Pastorious, Alphonse Mouzon oder Elvin Jones zusammen. Außerdem wurde er festes Mitglied des populären „United Jazz und Rock Ensembles“, das unter der Leitung seines oftmaligen Partners Wolfgang Dauner einige der besten europäischen Jazzmusiker zusammenfasste. Wir sehen, sein Spektrum reichte vom unbegleiteten Solo-Spiel über die frei improvisierte Musik bis zu aktuellen, auch populären Spielformen des Jazz.
Zurück zur „Vaterfigur des deutschen Jazz“: Albert war aktiv in der Union Deutscher Jazzmusiker (UDJ), deren Vorsitzender er auch zeitweise war. Er unterstützte die deutschen Jazzclubs mit seiner Prominenz. Als die Braunschweiger Musikerinitiative Anfang der Achtziger Jahre vor dem finanziellen Kollaps stand, kam Albert, spielte für eine Minigage ein Set Solo, um dann mit dem Braunschweiger Otto-Wolters-Trio über Jazz-Standards zu jammen. Er übernachtete nicht im Hotel, sondern bei Charles Benecke, dem Schlagzeuger des Trios und damaligen Chef der Initiative. Die nicht unerheblichen Einnahmen aus dem Konzert halfen dabei, den Club zu retten.
Albert Mangelsdorff starb 2005 in seiner Heimatstadt Frankfurt.
