Wynton und Branford Marsalis

Als Wynton und Branford Marsalis Anfang der 80er Jahre die US-Jazzszene betraten, lösten sie die Bewegung der „Young Lions“ aus. Das waren junge, selbstbewusste Musiker, die sich bestens gekleidet auf die Bühnen stellten und eine moderne Variante von Bop und Hard Bop spielten. Das ganze wurde Neo-Bop genannt und war eine Abkehr von Fusion-Jazz und dem vermeintlichen Chaos der Avantgarde. Wynton Marsalis wurde zur Speerspitze eines Konservatismus im Jazz, der alles ablehnte, was nicht im klassischen Sinn swingte. Das löste eine ideologische Kontroverse im Jazz aus, die die letzten zwei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts beherrschte.
Eine mehr als musikalische Familie
Die Marsalis-Brüder stammen aus einer überaus musikalischen Familie in New Orleans. Vater Ellis war ein anerkannter Pianist und vor allem ein einflussreicher Jazz-Lehrer. Unter den sechs Söhnen des Ehepaars Marsalis befinden sich außer Wynton und Branford noch zwei weitere Talente, nämlich der Posaunist und Produzent Delfayo und der Schlagzeuger Jason Marsalis.
Schlagartig Startrompeter
Der 1961 geborene Wynton wurde schlagartig ein Star, nachdem er sich die ersten Sporen in der Talentschmiede von Art Blakey’s Jazz Messengers verdiente. Schnell bekam er einen hoch dotierten Vertrag bei Columbia, brachte dort mit eigenen Bands perfekt klingende Jazzplatten heraus und wurde außerdem als Interpret klassischer Trompetenkonzerte präsentiert. Er gewann Grammys sowohl im Bereich des Jazz als auch der Klassik. Ein Wunderkind der Trompete, das bis heute nicht als Innovator, sondern als virtuoser Bewahrer und Hüter des klassischen Jazz wirkt. Sein Kampf für den swingenden Jazz ließ ihn stilistisch, der anfangs noch heißen Hard Bop spielte, immer weiter in Richtung Louis Armstrong zurück gehen. Heute stellt er in Konzerten mit dem von ihm geleiteten Lincoln Center Jazz Orchestra in Perfektion das gesamte Spektrum des swingenden Jazz vor. Wynton setzt seinen Auftrag zur kulturellen Erziehung des Publikums seit vielen Jahren als Leiter des Lincoln Jazz Center konsequent und eloquent um. Ob er den Jazz retten kann? Bei allen Vorbehalten seinem Dogmatismus gegenüber: Wir wünschen es ihm.
Branford geht auch in andere Richtungen als sein Bruder
Branford, ein Jahr älter als Wynton, trat vor allem als Tenorsaxophonist hervor. Er zeigte sich stilistisch offener als sein umstrittener Bruder, pflegte anders als jener auch moderne Ausformungen des Jazz. Er hat keine Probleme damit, Funk und Hip Hop zu spielen, oder die Musik von Rockmusikern wie Sting zu bereichern. Auch er pflegt mit Projekten die Erinnerung an Heldentaten des Jazz. So traute er sich, die Sternstunde John Coltranes, „A Love Supreme“, neu zu vertonen und kürzlich die berühmte Keith-Jarrett-Platte „Belonging“ neu zu interpretieren. Er ist als Filmkomponist und Leiter von Bands für TV-Shows erfolgreich.
Es wird sich zeigen, ob der Name Marsalis auch in einigen Jahrzehnten noch für Diskussionen sorgen wird. Die Bewunderung der Meisterschaft wird bleiben.
